Fotos: Sepp Rauch 2026
Festrede der Vorsitzenden Irmgard Hofmann zum 10-jährigen Bestehen anlässlich der Jubiläumsfeier am 25. Januar 2026.
Liebe Mitglieder, Freunde, Gäste unseres Vereins „Miteinander leben in Hadern e.V.“
Ich begrüße Sie und euch alle ganz herzlich zu unserer Feier
10 Jahre Brücken bauen.
Seit 10 Jahren gibt es uns und in all dieser Zeit haben wir gemeinsam Brücken gebaut zwischen ganz verschiedenen Menschen und Lebensräumen.
Wir haben Menschen kennengelernt, denen wir ohne diesen Verein nicht begegnet wären. Es sind neue Freundschaften entstanden, die uns alle bereichern.
Aus Geflüchteten sind ansässige Bürger und Bürgerinnen mit Familien und Arbeitsplatz geworden, die damit so allmählich eine neue Heimat gefunden haben.
Es ist eine überwiegende Erfolgsgeschichte, zu der die Aktiven aus und um den Verein sehr viel beigetragen haben. Beigetragen auch dadurch, dass sich unsere Aktiven von Rückschlägen – die es natürlich auch gegeben hat – nicht beirren ließen.
Wie alles begann
Im September 2015 wurde gemunkelt, dass auch in Hadern Geflüchtete untergebracht werden sollten. Damit wurde die Idee geboren, einen Verein zu gründen, um die ankommenden Geflüchteten von Beginn an unterstützen zu können.
Der Gründungsabend des Vereins am 27. November 2025 war furios. 170 Bürgerinnen und Bürger kamen ins damalige Mehlfelds, 80 Personen konnten bleiben und in sehr kurzer Zeit wurde die Satzung besprochen und verabschiedet. Ebenfalls konnte aus und mit den Anwesenden sofort ein funktionsfähiger Vorstand gewählt werden, der in kürzester Zeit die Arbeit aufnahm.
Vorstands- und Teamsitzungen
Bis die ersten Geflüchteten Anfang März in die Ludlstraße und Mitte März die „Jungs“ in die Kurparkstr. kamen, hatten wir schon vier langdauernde Sitzungen hinter uns, in der wir die Struktur des Vereins bauten. Dazu kamen acht Teamsitzungen, in denen die Teams ihre Koordinatorinnen selbst wählten.
Unser großes Ziel war, von vornherein eine klare Struktur für alle Mitglieder zu schaffen, die es ihnen ermöglichen sollte, sich nach ihren Interessen einzubringen und vom Vorstand die entsprechende Rückendeckung und auch Gelder zu bekommen.
Ein Kraftakt war es, für alle, die sich aktiv beteiligen wollten, erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse zu organisieren, die Schweigepflichtserklärungen einzuholen und einen Ausweis zu entwickeln, der auch Nicht-Vereinsmitgliedern eine Absicherung ermöglichte. Denn natürlich sollte es für alle auch eine Haftpflicht- und Unfallversicherung geben.
Der sogenannten „Aktiven-Ausweis“ wurde geboren und für etwa 140 Personen ausgestellt.
Anfang März 2016 kamen etwa 200 Personen, meist Familien aus Syrien, aber auch aus anderen Ländern, zeitweilig in die Ludlstraße. In intensiver Zusammenarbeit mit der Stadt, insbesondere mit Herrn Florian Fritz und Frau Eva Wagner bekamen wir dort eine Wohnung als Ehrenamtsräume zur Verfügung gestellt.
Die Teams „Kinderbetreuung“ und „Hausaufgaben“ nahmen die Arbeit sofort auf, parallel lief unter Leitung von Barbara Beck die Einrichtung einer Fahrradwerkstatt. Dort wurden in wenigen Monaten über 300 Fahrräder für die Geflüchteten hergerichtet.
Am 19. März 2016 kamen “unsere Jungs“ in die Kurparkstraße. 86 Männer überwiegend aus dem Iran, teilweise auch aus dem Irak. Viele der Geflüchteten waren kurdischer Abstammung.
Zufällig war das vor dem Wochenende, an dem das traditionelle Nourouzfest (das persische Neujahrsfest) gefeiert wird. Unser Team „Feste und Feiern“, geleitet von dem inzwischen leider verstorbenen Herbert Hofmann, informierte sich über die zugehörige Tradition und es war ein tolles Willkommensfest.
Danach begannen die Deutschkurse. Das Team „Sprache“ unter Leitung des leider viel zu früh verstorbenen Eugen Sell organisierte für alle 86 Männer in der Kurparkstr. ehrenamtliche Deutschkurse. Nicht alle Männer nutzten diese Chance, aber einige doch und speziell Eugen Sell wurde für manche der Männer zu einer wichtigen Vaterfigur.
Neben dem Lernen galt es aber auch, den jungen Männern Freizeitangebote zu anzubieten, damit sie nicht nur in der Halle aufeinander hocken blieben. Dem widmete sich das Team „Freizeit und Sport“, das etliche Ausflüge organisierte.
Nicht zuletzt gab es zunehmend Patenschaften von Einzelpersonen für konkrete Familien, die teilweise bis heute bestehen.
Im Herbst 2016 verließen die Familien die Ludlstraße, weil die Gebäude dort abgerissen werden sollten. Die meisten der Familien verloren wir aus den Augen, aber einige Patenschaften bestehen bis heute.
Die „Jungs“ zogen im Dezember 2016 aus der Leichtbauhalle aus, zunächst in die Hofmannstraße, bis der Langzeitstandort in der Meindlstraße fertig gestellt wurde. Wir begleiteten sie weiterhin an diesen Standorten. Manchmal war es schwierig mit den Sozialdiensten, weil diese der Meinung waren, unsere Ehrenamtlichen seien Hilfsdienste der Sozialarbeit. Es bedurfte einiger klärender Gespräche auf hoher politischer Ebene, um dieses Missverständnis auszuräumen, aber dann klappte es.
Als schließlich Bärbel Hermann vom ASB in der Meindlstraße die Sozialarbeit übernahm, wurde der Kontakt sehr unkompliziert und effektiv. Vielen Dank dir Bärbel dafür. Vom Verein waren es insbesondere Birgit und Wolfgang König, Marion Kiem, Jürgen Schneider, Christine Wagner-Poyiatzis sowie Steffi und Peter Jentsch, die die „Jungs“ intensiv weiter betreuten, soweit möglich auch in Coronazeiten.
Neue Wohnanlage Kurparkstr.
Im Herbst 2018 wurde die neue Wohnanlage der Bezirksregierung in der Kurparkstraße eröffnet. Seit dieser Zeit gibt es dort kontinuierlich Hausaufgabenbetreuung, die von dem langjährigen Teamleiter Jürgen Schneider organisiert wird. Die Familien in dieser Wohnanlage sind alle anerkannte Geflüchtete. Die Kontaktaufnahme zu diesen Familien war und ist ziemlich herausfordernd. Die Mutter-Kind-Gruppe war sehr fragil und mit Corona brach sie auseinander. Heute bieten Karin Pohl-Rauch und Marion Kiem wieder Lesen und Spielen mit Grundschulkindern an. Außerdem macht das Weihnachtsbacken den Kindern großen Spaß.
Die Ukrainerinnen kommen
Im Frühjahr 2022 kamen nach dem brutalen Angriff auf die Ukraine ukrainische Frauen mit Kindern auch nach Hadern. Viele Privatpersonen nahmen die Geflüchteten auf und dachten, es sei für wenige Wochen.
Unser Verein kooperierte mit der Pfarrei Erscheinung des Herrn, die uns das leerstehende Mesnerhaus als Wohnraum zur Verfügung stellten und auch die Heiz- und Stromkosten übernahmen.
In kürzester Zeit machten wir das Haus wieder bewohnbar und konnten es dank vieler Spenden von Mitgliedern des Haderner Siedlervereins und anderen Spendern über Nebenan.de voll ausstatten. Es war der erste Kraftakt und wir konnten das Haus mit einer Familie sowie vier Frauen mit kleinen Kindern belegen. Irmgard Gerken begann sofort damit, allen 4-5 mal/ Woche Deutschunterricht zu geben.
Über den Kontakt mit Gabi Radeck von St. Canisius erfuhren wir, dass es einen großen Bedarf an Vernetzung der Ukrainerinnen untereinander sowie Deutschunterricht gab. Zusammen mit Barbara Beck und dem Kleinen Privaten Derksen-Gymnasium stellten wir über die Osterferien ein Team aus ehrenamtlichen Helfer*innen für Deutschunterricht zusammen und bildeten 6 Lerngruppen, die von jeweils 2 Personen unterrichtet werden sollten. Die Räume stellten uns die Pfarrei EdH sowie das Derksen-Gymnasium zur Verfügung. Mittlerweile haben viele der ukrainischen Geflüchteten Arbeit und Wohnung gefunden, aber die Verzweiflung über die Entwicklung in der Heimat bleibt, ähnlich wie bei den Iranern.
Aktuelle Situation
Wo stehen wir heute? Die verschiedenen Unterstützungsangebote laufen fast geräuschlos weiter. Aber unsere Ehrenamtlichen sind auch 10 Jahre älter geworden, manche sind gestorben, andere können nicht mehr so gut und wollen bzw. müssen sich ausruhen.
Im Herbst 2026 werden etwa 100 geflüchtete Personen in Wohncontainern am Max-Lebsche-Platz untergebracht werden. Dem Vernehmen nach soll es sich in erster Linie um Familien handeln. Auch dort werden wir versuchen, die Menschen beim Ankommen zu unterstützen. Noch ist vieles unbekannt, aber wir wissen, dass wir neue Aktive anwerben müssen, um überhaupt in Aktion treten zu können. Wir hoffen, dass unsere Vereinsstruktur auch künftig Menschen bewegt, sich unserem Brücken bauen anzuschließen.
Und nicht zuletzt ist völlig offen, wie sich der Krieg in der Ukraine und die menschenverachtenden Tötungen im Iran auf uns auswirken werden. Aber wir haben so viel erreicht und es hat uns so sehr bereichert, dass ich ganz zuversichtlich bin, dass das auch künftig gelingen kann.
Video
Zum 10-Jährigen unseres Vereins haben wir auch ein paar Stimmen in einem Video zusammengefasst.
Das Video erreichen Sie leider nicht direkt. Sie können aber folgende Adresse kopieren und in Ihrem Browser aufrufen:
https://mlih10jahre.jentsch-online.com/